Vom richtigen Moment -
oder
Aus dem Herzen gesprochen
Am letzten Tag eines dreitägigen Seminars im Juli saß ich zusammen mit den anderen beim gemeinsamen Abendessen.
Eine der Teilnehmerinnen bat mich darum, sie zum nahe gelegenen Bahnhof im nächsten Ort zu fahren.
Wir waren einander schon einige Wochen zuvor bei einer anderen Veranstaltung begegnet – und, was meine Erinnerung
dazu betrifft – konnte meine „Box“* sie schon dort nicht ausstehen. Ich hatte alle Hände voll mit mir zu tun, ihre „ExtraVerhaltensWürstl“ im Seminarraum und während der Essenszeiten oder ihr schier unerschütterliches Dauer-Das-Leben-ist-so-wundervoll-Lächeln in Kombination mit sanfter Stimme zu ertragen. Eigentlich konnte ich mich gar nicht erinnern, wann mich ein Mensch zuletzt so an den Rand meiner Selbst-Beherrschung gebracht hat. (Vielleicht fühlt sich so ein Stier, wenn er den Torrero mit dem roten Tuch vor sich sieht, nachdem dieser ihn mit den scharfen Spießen den Nacken dekoriert hat. Bis dem gehörnten Tier ein Hauch bewegtes Rot genügt, um zum kraftvollen Angriff auf den Peiniger wild loszugaloppieren.)
Und wie war ich fast stolz, all diese inneren Turbulenzen und das körperliche Unbehagen gerade noch gedeckelt zu halten, ohne ihr meine Gedanken unzensiert ins Gesicht zu schleudern. Puh! Nach drei Tagen war es dann geschafft – höflicher Abgang beiderseits und frei vom gesteigerten Interesse, diese Frau freiwillig noch Mal treffen zu wollen. Das Leben hatte anderes vor.
Auf der Teilnehmerliste zur nächsten Fortbildung stand – ja genau: i h r Name!
Mein Magen verkrampfte sich als Hinweis auf einen Augenblick der Angst, ihr wieder zu begegnen und nicht (vor mir) sicher sein zu können, dass ich es erneut schaffe, ihr aus dem Weg zu gehen. Dem folgte ein grummelndes: "Na super! Das auch noch." Und ich war einen laaangen Moment versucht, sogar meine Teilnahme abzusagen. Bis ich mich bei meinem ausgedehnten SelbstGespräch aus einer neutralen Position heraus beobachtete und daraufhin den Entschluss fasste, dass genau diese Person wohl ein grandioses Lernfeld für mich zu bieten hat, ja ein echtes Geschenk in Punkto Toleranz bedeuten kann. Getreu dem Motto: „Jeder Mensch, der dir begegnet, ist entweder dein Lehrer oder dein Freund.“ wollte ich sie damit ab sofort als Lehrerin betrachten.
Von der Idee, wie ich diesem Menschen wertschätzend und wahrhaftig Feedback geben könnte, mit dem, was mich an ihrem Verhalten so massiv stört, dass meine Galle ständig Vollmeldung
signalisiert, war ich dabei noch weit entfernt. Immerhin – ich wollte die Chance nutzen, an mir zu arbeiten und fuhr zum Seminar. Um mich gleich zu Beginn in unendlicher Güte für das AndersSein meiner Mitmenschen zu üben, verpflichtete ich mich regelrecht, sie vom Zug abzuholen. Und etwas Seltsames geschah:
all die Tage war ich überrascht, weil mein Warten auf den ersten BefindlichkeitsSchluckauf im täglichen Miteinander ausblieb. Nur einmal - in der Küche, da war es wieder – beim Ausräumen des Geschirrspülers – einige Sekunden jener Art zu sprechen und zu agieren, für das ich schon die ganze Zeit in Hab-Acht-Stellung lauerte. Und ich spürte blitzschnell wie der alte Groll mich packte, mein Körper sich in Verteidigungs- und Kampfeslust anspannte, um ihr endlich die Meinung zu sagen.
Irgendwie waren wir beide unseres „Treibens“ miteinander gewahr und die Ahnung vom richtigen Moment verpuffte erneut ungenutzt. Bis zur gemeinsamen Fahrt zum Bahnhof am letzten Seminarabend. Wir waren zeitlich knapp. Also - Gepäck rein, Gurt angelegt und Gas. Und unverhofft war er da: der richtige Moment! Jener Spalt in der Zeit, der eine Tür für ungeahnte Möglichkeiten öffnet. Und endlich konnte ich sagen, was ich längst hatte
sagen wollen. All das, was mich seit der ersten Begegnung beschäftigt und an ihrem Verhalten so masslos aufgeregt hatte, wie ich uns wahr genommen habe, wie dankbar ich bin, dass wir einander wieder begegnet sind und wie erleichtert ich war, dass ich all das mit Freude und Liebe für sie auf den acht Kilometern zur Haltestation aussprechen konnte. Wie sie darauf reagierte? Überrascht und froh und angeregt, auch mir ein Herz-zu-Herz-Feedback zu geben, das viel Neues und Wertvolles für mich bereit hielt. Und so endete diese Fahrt voller Ehrlichkeit, Lachen und der Vorfreude auf ein Wiedersehen.
Die grösste Belohnung liegt für mich seit dem im Vertrauen, dass der richtige Moment immer dann ist, wenn es darum geht, aus dem Herzen zu sprechen.
*Box: Besser bekannt als Glaubenssystem, Weltanschauung, Mentalität, Selbstbild, Persönlichkeit, Komfortzone oder Verteidigungsstrategie. Besteht aus Glaubenssätzen, Annahmen, Erwartungen, Gründen, Meinungen, Werten, Erinnerungen, Vorurteilen, Fantasien. Dient vornehmlich dem ÜberLeben.
Mehr dazu siehe: Buch, Clinton Callahan, Wahre Liebe im Alltag
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen